Deutsche Jugendliche nutzen das Internet zu wenig, sagt die Bundesregierung

15. Kinder- und Jugendbericht veröffentlicht

www.media-news-for-parents.comVorgestern besuchte eine Polizistin die Schule meiner Tochter. Tagsüber erklärte sie im Rahmen einer Fair-Play-Woche den Kindern einen umsichtigen Umgang mit digitalen Medien, abends hielt sie einen Vortrag für die Eltern. Es ist schön festzustellen, dass sich Vorträge dieser Art in den letzten Jahren/Monaten gewandelt haben. Wo früher nur von Achtung, besser nicht nutzen oder Zeiten eingrenzen die Rede war, sind heute Formulierungen aufgetaucht wie, das Internet ist ein Gewinn, natürlich bieten die neuen Medien auch viele Chancen, und die Kinder sollen ja auch lernen mit der Technik umzugehen.

Mütter und Väter, schaut hin!

Allerdings konnte man sich dem Eindruck nicht erwehren, dass die Veranstaltung das Ziel verfolgte, den medienerzieherischen schwarzen Peter hauptsächlich den Eltern zuzuschieben. Eltern sollten bitte hinschauen, mit den Kindern im Gespräch bleiben, sich mit den Kindern um die Jugendschutzeinstellungen ihrer digitalen Anwendungen kümmern, die Medienzeiten begrenzen, Mediennutzungsverträge mit ihren Kindern abschließen und natürlich – der heilige Gral aller Medienpädagogen und Polizisten in diesem Land – doch bitte mit den Kindern gemeinsam die AGBs lesen.

Taub, stumm, blind – die drei Affen sitzen in der Schule

Auf die Frage, was denn die Schule tun würde, um die Medienkompetenz der Kinder zu stärken, aufzuklären und Cybermobbing zu verhindern, gab die sympathische Polizistin das Wort an den anwesenden Schulleiter weiter, der sehr Aussagekräftiges beizusteuern hatte: An der Schule herrsche Handyverbot.

Wohltuend und in einer nie dagewesenenen Klarheit erklärt dagegen der gestern erschienene 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, für den erstmals auch Jugendliche selbst interviewt wurden, die Medienkompetenzförderung von Kindern und Jugendlichen zu einer gesamtgesellschaftlichen und damit natürlich auch zu einer schulischen Aufgabe:

„Die bislang vornehmlich technikgetriebenen Ausstattungsinitiativen an Schulen sind aus mediendidaktischer und -erzieherischer Sicht weitgehend erfolglos geblieben (Jörissen/Münte-Goussar 2015). Herausforderungen zeichnen sich weiterhin im Rahmen der Organisations- und Personalentwicklung als auch einer sich verändernden Lernkultur ab. Kritisiert wird aus erziehungswissenschaftlicher Sicht zum einen der enge schulische Blick auf das Lernen mit Medien und somit vor allem auf didaktische Fragestellungen. Reflektiert werden sollte ergänzend dazu stärker

auch der Anteil der Medien am sozialen und kulturellen Wandel der Gesellschaft.

Benötigt wird damit auch ein Lernen über Medien.

Denn Medien stellen längst nicht mehr nur Werkzeuge, sondern auch „vernetzte, algorithmische, datengesättigte Netzwerkarchitekturen“ bzw. „digitale Akteure dar, die nicht nur Handlungsempfehlungen geben, sondern zunehmend eigenständig Entscheidungen treffen, diese verändern und von diesen ihrerseits hervorgebracht werden“ (ebd., S. 5f.).

Die wesentliche Frage ist daher nicht nur, wie Medienbildung in der Schule, sondern wie eine neue Schule im Medium realisiert werden kann,

also Bildung in medial konstituierten Welten und soziotechnischen Strukturen möglich ist (ebd. S. 6, H. i. O.). Gefordert wird im Zuge dessen ein Changemanagement, das sowohl die Einzelschule als auch die Systemebene im Blick hat … als auch eine intensivere Beschäftigung mit der Frage nach geeigneten Bildungsmedien (Open Educational Ressources) und alternativen technischen Zugängen (Bring-Your-Own-Device-Ansatz).

Weitere Entwicklungsbedarfe werden zudem in der Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer und bei der Qualitätssicherung gesehen. All diese Aspekte sollten sich im Mediencurriculum einer Schule wiederfinden (ebd., S. 5).“
(S. 318f.)

Außerdem zeigt der Bericht auf, dass Nachholbedarf in der institutionellen Jugendarbeit auch daher rührt, dass die Verantwortlichen sich oft einfach nicht mit den notwendigen Technologien beschäftigen WOLLEN:

„Grundsätzlich ist wohl davon auszugehen, dass sich pädagogische Fachkräfte aus einem Interesse an der Zusammenarbeit mit Menschen für ihren Beruf entscheiden. Diese Entscheidung geht offenbar mit einer eher medienskeptischen Haltung und einem zögerlichen Einsatz von digitalen Medien einher.

Eine etwas ältere Studie des Studierendenwerks zur Mediennutzung im Studium zeigt z. B., dass die Studierenden der Fächergruppe „Pädagogik“ in ihrem computerbezogenen Verhalten und bei der Kompetenzzuschreibung im Vergleich zu anderen Fächergruppen am unteren Ende der Skala liegen.“
(S. 321)

Ziemlich drastisch wird die Erkenntnis wiederholt, die bereits im 14. Kinder- und Jugendbericht zu finden war, nämlich, dass ein kompetenter Medieneinsatz HILFREICH und HEILEND sein kann.
Formuliert wird hier ein deutlicher Bedarf bei Fachkräften im Sinne einer
reflexiven Professionalisierung, die Medienbildung als Gegenstand der Kinder- und Jugendhilfe einfordert – mit einem starken Fokus auf eine medienkritische Position zum Datenschutz, insb. auch im Kontext sozialer Ungleichheiten. Hingewiesen wird weiterhin auf die bislang zu wenig beachtete Bedeutung neuer Technologien bei der Dokumentation, Diagnostik und Hilfeerbringung (z. B. Online-Beratung; ebd., S. 397).
(S. 320)
Doch nicht nur dem Schulleiter wird widersprochen, sondern auch der Polizistin. Denn anstelle einer von Angst dominierten Medienbe- und -einschränkung sollten Eltern die Mediennutzung ihre Kinder viel stärker unterstützen und fördern:

„Die Auswahl der Medieninhalte ist dabei medienübergreifend derjenige Bereich, der am häufigsten und am konsequentesten geregelt ist – was aber nicht zwangsläufig auf eine angemessene Medienerziehung schließen lässt (Wagner u. a. 2013). Dies bestätigt auch die EU-Kids-Online-Studie, in der europaweit neun- bis 16-jährige Kinder und Jugendliche und deren Eltern zu Internetrisiken befragt wurden (Haddon u. a. 2012). Demnach sind in Deutschland lebende Kinder und Jugendliche im EU-Vergleich relativ wenigen Risiken ausgesetzt.

Dies wird in der Studie vor allem durch den elterlichen Medienerziehungsstil begründet, der sich v. a. durch„restrictive mediation“ auszeichnet, wodurch deutsche Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland das Internet weniger vielfältig und weniger häufig nutzen als Kinder und Jugendliche aus anderen europäischen Ländern, und damit aber auch in ihren Möglichkeiten zur Medienkompetenzförderung eingeschränkt sind.

Empfohlen wird eine zukünftig aktivere Auseinandersetzung mit Medien und Medieninhalten, um Kindern und Jugendlichen mehr Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen und sie gleichzeitig im Umgang mit eventuell auftretenden Schwierigkeiten zu stärken und sie so widerständiger gegenüber möglichen Gefahren zu machen (Helsper u. a. 2013).“
(S. 315)

Vielleicht sollten wir alle mehr auf unsere Kinder hören:

„Aus Sicht der Jugendlichen sind digitale Medien in der Schule aber insgesamt noch zu wenig präsent, gefordert wird teils auch ein Unterrichtsfach Medienkompetenz.“
(S. 122)

Denn:

„Junge Menschen haben ein Recht darauf, in ihrer digitalen Grenzarbeit unterstützt zu werden und die Bildungsoptionen des digitalen Ermöglichungsraums damit umfassend für sich nutzen zu können.

Medienkompetenz ist eine notwendige Voraussetzung, die es angesichts des fortschreitenden soziotechnologischen Wandels der Kommunikationskultur kontinuierlich zu fördern gilt.“
(S. 469)

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