Kinderschutzsoftware alleine reicht nicht

Wieso Eltern und Lehrer mehr tun müssen, um Kinder digital zu schützen

media-news-for-parents.com girl with mobile phoneAm Wochenende habe ich alte Bekannte wiedergetroffen. Eltern, die ich aus der Grundschulzeit meiner Tochter kannte. Da kommt man natürlich immer schnell auf die lieben Kleinen zu sprechen. Die Pubertät wäre bei ihrer Tochter schon in vollem Gange, lernte ich. Viele Diskussionen, maulige Art, das bekannte Programm halt.

Mit dem Unterschied, dass ich dieses Programm gar nicht kenne. Ich finde die Teenagerzeit meiner Tochter bis jetzt total toll. Meine Tochter hat viele Interessen und wir können viel voneinander lernen. Gerade im Bereich Digitales. Sie erklärt mir ihre Spiele und darüber lerne ich, wie sich sowohl die Spieleentwicklung als auch deren Refinanzierungsmodelle im Lauf der letzten Jahre verändert haben.

Voneinander lernen

In-App-Käufe sind in Handyspielen weniger geworden, dafür wird nun mehr kostenlos zur Verfügung gestellt – im Gegenzug müssen die Kids aber volle Werbespots anschauen, bevor sie weiter spielen können. Findet meine Tochter toll. Endlich keine Diskussionen mehr mit Mama ums Taschengeld („Darf ich biiiiiittttte noch 5,99 € ausgeben für Erdnüsse? Ich muss doch die Elefanten füüüüüttern, wiiiiirkliiiiich, die verhungern soooooonst!“).

Auch ich finde das besser. Wünsche werden in unserer Welt sowieso immer und an jeder Ecke viel mehr geweckt, als wir Eltern den Kindern jemals erfüllen können. Da kommt es auf die paar Werbespots auch nicht mehr an. Derzeit hätte meine Tochter gerne eine Reise nach Japan, eine Playstation 4, einen Gamer-PC und ein Jugendzimmer mit komplett neuen Möbeln. Na, wenn’s weiter nichts ist. Da sollen sie ihr ruhig noch ein paar Spots von Bibis Duschschaum oder Kinderschokolade zeigen – da kommen wir ja richtig günstig bei weg!

Kinder werden im Netz verfolgt – von den Eltern

Auf Nachfrage stellte sich auch der Grund für die Streitigkeiten im anderen Elternhaus heraus. Ein Bekannter der Eltern hatte die PC- und Handynutzung der Tochter gehörig eingeschränkt. Der IT-Spezialist hat dabei schwere Geschütze aufgefahren. Als zusätzliches Bonbon hat sich der Vater extra auf Instagram angemeldet, um die Posts der Tochter zu überwachen. Kein Wunder, dass zu Hause der Haussegen schief hängt. „Ich hab keinen Bock von dir gestalkt zu werden!“, war die mehr als verständliche Reaktion der Tochter.

Das zeigt das ganze Ausmaß der nicht vorhandenen Digitalbildung in unseren Schulen. Anstatt den Kids ab der 4. und 5. Klasse die Grundregeln der Online-Nutzung und -Kommunikation beizubringen, lassen wir die Familien damit völlig alleine. Die Eltern sind mit der Last überfordert und bauern Mauern anstatt Brücken.

IT statt Kommunikation geht nach hinten los

Kinderschutzsoftware ist keine Lösung. Sie ist auf der einen Seite niemals perfekt, da sich das Internet zu schnell weiter entwickelt. Was heute noch als Porno gesperrt wird, ist morgen umbenannt und wird von der Software erstmal eine ganze Weile nicht erkannt. Außerdem feuern wir durch eine solche Vorgehensweise den Sport auf dem Schulhof erst richtig an, sämtliche elterliche Maßnahmen unbemerkt umgehen zu wollen. Wer sein Kind einschränkt und stalkt, darf sich nicht wundern, wenn es anfängt, die in den jugendlichen Augen dämlichen Sperren heimlich zu umgehen. Das ist letztlich viel gefährlicher.

Denn diesen Kindern wird kein richtiger Umgang mit dem Internet beigebracht. Anstatt die Gefahren der Internetwelt und die richtige Antwort darauf zu kennen, sind diese Kinder den modernen Herausforderungen schutzlos ausgeliefert.

Internetkriminalität passiert jeden Tag

Wir hatten letzte Woche zwei derartige Begegnungen. Meine Tochter wurde auf der Spieleplattform Steam von einem Fremden unter Druck gesetzt, ihm ihre Anmeldedaten inklusive Passwort zu verraten. Der Mensch hat ihr sogar seine angeblich eigenen Zugangsdaten gesendet, um sie moralisch in Zugzwang zu setzen. Jetzt MUSST du mir deine aber auch geben!

Nun weiß meine Tochter seit der 5. Klasse, dass das Passwort ungefähr so wichtig ist, wie ihr Lieblingsstofftier, das sie immer noch heiß und innig liebt. Das gibt man nicht her. Punkt. Für die Zukunft habe ich sie gebeten, einen Screenshot von der Konversation zu machen. Das wusste sie eigentlich auch, hat es aber vergessen. Das Ganze war ihr nicht wichtig genug.

Ich selbst habe (am Wochenende!) einen Anruf erhalten, in dem ein englischsprachiger Mensch mit indischem Akzent unter einer niedersächsischen Vorwahl behauptete von Microsoft zu sein und meinen PC überprüfen zu müssen. Auch ich sollte ihm Zugangsdaten nennen und zustimmen, eine Mail zugesandt zu bekommen, von der ich dann nur ein Hilfsprogramm öffnen müsste, das alle Probleme behebt. Über sowas können sich meine Tochter und ich gemeinsam kaputt lachen. Es ist schade, dass das nicht in allen Elternhäusern so ist.

 

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