Wie gut kennen Sie Ihr Kind?

Eine Anregung gegen Radikalisierungsrekrutierung

Spielendes Kind am LaptopLetzte Woche habe ich einen Vortrag vor Eltern (die Hälfe der Anwesenden waren gleichzeitig Grundschullehrer) gehalten über die Frage, ab wann Kinder ein Smartphone haben bzw. was sie vor dem Erhalt gelernt haben und wissen sollten. Spannend wurde die Diskussion, als es um das Thema Radikalisierungsanwerbung über das Internet ging.

Den wenigsten Menschen ist bewusst, wie professionell, umfangreich und psychologisch schlau Rechtsextreme, Linksextreme und auch terroristische Gruppen ihre Radikalisierungsarbeit im Netz betreiben. Darauf machte in dieser Woche auch Bundesfamilienministerin Schwesig aufmerksam bei der Präsentation des Monitorings 2016 von jugendschutz.net mit dem Titel: „Verfälschte News und stylische Videos: Wie Rechtsextreme Hass schüren und Jugendliche ködern“. Beispiele für gut getarnte Netzauftritte können der Website www.hass-im-netz.info entnommen werden.

Radikalisierung ist weder eine Frage der Integration noch des Bildungsstandes. Sie tritt in allen Schichten und gesellschaftlichen Milieus auf, der wohlhabende deutsche Arztsohn kann ebenso in den Heiligen Krieg ziehen wollen wie ein armer muslimischer Migrant.    SZ 26/2014 „Im Netz der Gewalt“

Auf der einen Seite gibt es die Websites oder Facebook-Seiten, die auf den ersten Blick für eine gute Sache kämpfen (Tierschutz, gegen Gewalt, für mehr Freiheit und Demokratie) und erst auf den zweiten Blick offenbaren, dass sie gegen das bestehende Politiksystem, die Verfassung oder die Chancengleichheit aller Menschen unabhängig von Religion, Herkunft oder Hautfarbe agieren.

„Rechtsextreme vermitteln ihre Botschaften über stylische Memes und Videos. Da verpackt die Identitäre Bewegung ihre Propaganda in coole Hip-Hop-Songs oder es tauchen bei Facebook Nazi-Parolen zwischen Fotos von Erdbeerkuchen und Müsli auf“    Stefan Glaser, Leiter von jugendschutz.net

Noch gefährlicher aber sind die direkten Gespräche, die durch das gemeinsame Spielen von Computerspielen zustande kommen und über Software-Anwendungen wie TeamSpeak oder Skype geführt werden. Hier haben Verführer direkten Zugang zu jungen Menschen und können sie Stück für Stück von ihren Familien und Freunden entfremden.

Reden mit den Kids – aber worüber?

Die Polizei rät in ihren derzeitigen Präventionsvorträgen in Schulen den Eltern eindringlich „Bleiben Sie mit ihren Kindern im Gespräch, das ist der beste Schutz.“ Aber was bedeutet das eigentlich? Schließlich reden Eltern jeden Tag mit ihren Kindern.

Gerade im Zusammenhang mit Computerspielen führt eine solche Aufforderung oft zu noch größerer Unsicherheit. Wie bewahre ich mein Kind vor den bösen Menschen da draußen, welche Games kann man erlauben, welche Sicherheitseinstellungen sind am PC sinnvoll, welche Jugendschutzsoftware gibt es, sind die Fragen, die üblicherweise entstehen. Das sind aber die falschen Fragen. Wichtiger wäre die Frage „Wie gut verstehe und kenne ich mein Kind?“

Die Welt ist doch scheiße, oder?

Nichts ist heutzutage leichter als junge Menschen zu verunsichern, die während der Pubertät sowieso dazu neigen, alles in Frage zu stellen, ihre Umwelt kritisch zu sehen und die vermeintlich ungerechte Welt abzulehnen. „Der Kapitalismus ist doch furchtbar, es geht nur um Geld und Macht und überhaupt nicht um die Menschen, oder?“ „Haben deine Eltern auch genug Zeit für dich oder ist ihnen ihre Arbeit wichtiger?“ „Wissen deine Eltern eigentlich welche Webseiten du liest und welche Games du spielst?“ „Freuen sie sich mit dir über herausragende Computerspielerfolge?“ „Kennen Sie deine Wünsche und Ziele?“

All das sind typische Fragen, die dazu geeignet sind, Jugendliche und junge Erwachsene von ihren Eltern zu entfremden. Jugendliche können ihre Eltern unauffällig testen, um zu sehen, ob der Kumpel im Netz nicht Recht hat. Kennt mein Vater meinen größten Wunsch (das Territorium X zu erobern)? Weiß meine Mutter, was ich spiele?

Du willst als Drogendealer einen Verräter enttarnen? Zeig doch mal, wie du das in deinem Game schaffst!

Schutz kann ab einem gewissen Alter daher nicht mehr bedeuten, das eigene Kind technisch abzuschotten, sondern echte inhaltliche Nähe herzustellen. Medienkompetenz heißt in dem Fall auch neue Medien als normalen Teil des Familienlebens zu akzeptieren. Über Games, Surfen oder Chatten wird dann am Abendbrottisch genauso gesprochen wie über die verhauene Mathearbeit oder die super genutzte Torchance auf dem Fußballplatz. Im Gespräch bleiben ist daher richtig, aber mit ehrlichem Interesse und der Option, jugendliche Wünsche manchmal auch dann schulterzuckend zu unterstützen, wenn man sie als Erwachsener nicht ganz nachvollziehen kann.

 

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