Harry Potter ist spannender als Pokémon GO – ein Plädoyer für mehr Gelassenheit

Seit gut einer Woche spielen wwww.media-news-for-parents.comir jetzt Pokémon GO. Wir, das bedeutet meine Tochter Mia* (13 Jahre) und ich (42 Jahre). Der Papa (54 Jahre) hat sich das Ganze einmal von uns zeigen lassen und nutzt sein Smartphone doch lieber weiterhin, um Nachrichten zu lesen. Mia ist seit ca. zwei Jahren ein riesiger Pokémon-Fan und kennt sich sehr  gut aus. Es ist für Eltern immer wieder faszinierend, wieviel sich Kinder merken können, wenn sie nur wollen. Wenn meine Tochter Hunderte von Pokémon inklusive ihrer Weiterentwicklungen, Stärken und Besonderheiten runterrattert, frage ich mich regelmäßig, wie man Schule gestalten muss, damit sich die Kids genauso gerne französische Vokabeln oder das kleine und große Einmaleins merken (wollen). Da Pokémon GO dankenswerterweise mitten in unseren Sommerferien gestartet ist, haben Mia und ich das heißersehnte Spiel direkt am Erscheinungstag runtergeladen.

Die ersten Pokémon fanden wir gleich zu Beginn in unseren eigenen Räumlichkeiten. Ich lernte umgehend, dass ich meine Wurftechnik dringend würde optimieren müssen. Bei sechs Wurfversuchen zum Einfangen eines Standardpokémon wie Hornliu war ein künftiger Mangel an Pokébällen absehbar. Meine Tochter bog sich vor Lachen. Als jahrelange „Mini-Screen-Gamerin“ mit Handyspielen wie Wonder Zoo, Jurassic World, Dragons oder Subway Surfers hatte sie mir in Sachen Wischpräzision einiges voraus.

Seitdem haben wir bis heute hunderte Pokémon eingefangen, viele Eier ausgebrütet, zahlreiche Mini-Monster an den Professor geschickt und bereits einige Pokémon weiterentwickelt. Wir haben Pokémon trainiert, in einer Arena gekämpft (und verloren), haben unsere verwundeten Pokémon wieder geheilt und unzählige Pokéstops besucht und Pokébälle eingesammelt. Dabei haben wir vieles gelernt.

Der Hype um Pokémon GO ist übertrieben

Pokémon GO ein richtig gut gemachtes Handyspiel, das alle Faktoren beinhaltet, die ein Spiel erfolgreich machen. Weltbekannte und zum Knuddeln süße Spielfiguren, Strategie, Spannung, Wettkampf und eine Fabelwelt mit unzähligen individuellen Regeln. Nur echte Fans kennen die Typenvorteile und wissen, dass ein Bodenpokémon Vorteile gegenüber einem Elektropokémon hat oder dass man ein Evoli durch unterschiedliche Namensvergaben in verschiedene Folgeformen weiterentwickeln kann.

Letztlich erscheint das Spiel Eltern mit älteren Kindern jedoch wie ein Trend, von dem man schon einige hat kommen und gehen sehen. Wie bei uns Tamagochi oder Second Life, bei den Kids Filly Pferdchen oder Glubschis wird auch Pokémon GO in kurzer Zeit wieder out sein und vom nächsten „big thing“ abgelöst werden.

Augmented Reality spielt keine Rolle

Auch wenn das Spiel als großartige Augmented-Reality-Anwendung gepriesen wird, spielt diese Technologie doch eher eine untergeordnete Rolle. Da man die Pokémon schlechter fangen kann, wenn sie per Handykamera in die reale Umwelt projiziert werden, schalten die meisten Spieler diese Funktion nach kurzer Zeit aus, um Pokébälle zu sparen.

Der Datenschutz ist kein Problem

Während Datenschützer die Betreiberfirma von Pokémon GO wegen fehlerhafter AGBs und einem mangelhaften Datenschutz verklagen, stehen Eltern diesem Thema indifferent gegenüber. Hier werden juristische Schlachten zum Wohle des Verbrauchers geschlagen, die man begrüßen kann. In der Tat gehen die Spieleentwickler zu weit, wenn sie sich von vornherein das Recht einräumen, virtuelles Geld (für das man vorher echtes Geld bezahlt hat) jederzeit einfach entfernen zu dürfen und jegliche gerichtliche Auseinandersetzungen auszuschließen, wenn sich der User nicht innerhalb von 30 Tagen nach Runterladen der App gegenteilig äußert.

Allerdings sind diese verbraucherfeindlichen Grenzüberschreitungen für Eltern kein Grund, künftig die AGBs von Kinderspielen zu lesen oder ihren Kindern das Spielen gar wegen solcher AGBs zu verbieten. Selbst Juristen verstehen ohne entsprechende Spezialisierung nicht die AGBs sämtlicher  Online-Angebote. Auch die mögliche Geo-Lokalisierung unserer Kinder ist für Eltern nur ein Randphänomen. Schließlich verfolgen Dutzende von Firmen und App-Produzenten die GEO-Daten meiner Tochter, sobald sie mit dem Handy vor die Tür geht. Das können weder Eltern noch sonstige Einzeluser verhindern oder beeinflussen.

Von daher begrüße ich den Kampf der Experten auf dem Gebiet des Verbraucherschutzes bei der Verteidigung unserer Rechte. Wer als Daten- oder Verbraucherschützer meine Unterschrift für Petitionen braucht, bekommt sie gerne. Meinem Kind Pokémon GO verbieten, werde ich deswegen nicht.

Begegnungsstätten statt Tatorte

Als wir einen auf einem Feld liegenden einsamen Pokéstop ansteuerten, trafen wir auf zwei junge Erwachsene, die dort mit Bierflaschen und Ghettoblaster saßen. Im normalen Leben wären wir wohl möglichst unauffällig vorbeigehuscht. Könnten ja Schläger sein, man weiß ja nie. Diesmal blieben wir aber stehen, um die drei anwesenden Pokémon einzufangen und wurden gleich freudig angesprochen. „Echt, sind hier gerade welche?“

Schnell wurden Handys gezückt und wir lachten gemeinsam darüber, wie bekloppt man sich auf einmal wegen eines solchen Spieles verhalten würde. Ohne Pokémon GO wären wir niemals mit diesen Fremden ins Gespräch bekommen. Derartige Erlebnisse können sämtliche Pokémon GO-Spieler berichten. Das Spiel fördert auf jeden Fall das soziale Miteinander und ist alleine deshalb schon ein Gewinn.

Tipps für Eltern zu Pokémon GO sind überflüssig

Wir bringen unseren Kindern von Kleinauf bei, sich nicht im Dunklen an zwielichtigen Orten aufzuhalten und abends nicht alleine unterwegs zu sein. In dem Moment, wo wir unseren Kindern ein Handy überlassen, erklären wir ihnen bereits, dass dies ein teures Gerät ist, das umsichtig behandelt werden muss und Neider und Diebe auf den Plan rufen kann. Da das Smartphone für die heutigen Kids wirklich wichtig ist, gehen sie damit viel verantwortungsvoller um, als man gemeinhin denkt.

Natürlich sollten Kinder das Pokémon-Item „Lockmodul“, das für 30 Minuten wilde Pokémon und auf diesem Weg auch andere Spieler anlockt, nicht in einem dunklen U-Bahn-Schacht oder an einem Drogen-Umschlagplatz auslösen, um sich oder sein Handy nicht in Gefahr zu bringen. Für sämtliche sonstige Orte in Deutschland dürften die gleichen Regeln gelten wie für den Schulweg. Als ich Mia darauf hinwies, dass sie das Lockmodul bitte nur an Orten mit vielen Leuten auslösen möge, rollte sie mit den Augen und fragte mich, ob ich ihr denn gar nichts selbst zutrauen würde. „Mama, du kannst mir echt jeden Spaß vermiesen. Ich weiß, es gibt böse Menschen da draußen, die sich als Teenager ausgeben, und Leute, die mich oder mein Handy klauen wollen. Ich kann das langsam echt nicht mehr hören.“

Draußen spielen? Wir haben Gesetze gegen sowas!

Für Eltern wird es oft schwierig, wenn Kinder draußen spielen, weil die Kids dort automatisch Regeln brechen und Grenzen überschreiten, die sie bis zu diesem Moment noch nicht kennengelernt haben. Erst durch das Spiel draußen lernen sie Schritt für Schritt, dass man Gartenblumen nicht einfach seiner Blüten beraubt, um das eigene Haar damit zu schmücken, dass man Fangen um Autos herum besser unterlässt oder welche gesellschaftlichen Normen im Umgang mit anderen Menschen und deren Eigentum sonst einzuhalten sind.

Wenn unsere Kinder nun ein Spiel für sich entdeckt haben, das sie wieder einmal auf die Straße lockt, wünsche ich mir weniger medienbefeuerte Hysterie, sondern etwas mehr Nachsicht. Erstattet nicht direkt Anzeige wegen Hausfriedensbruch, wenn Kinder im Jagdeifer den Vorgarten eures Hauses betreten, was unserer Erfahrung nach auch nur in den seltensten Fällen nötig ist. Selbst den Pokéstop auf unserem lokalen Friedhof konnten wir mit dem Handy vom Friedhofstor aus erreichen und mussten den Ruheort gar nicht betreten, um die dortigen Pokébälle einzusammeln.

Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Ganze nur ein rasch vorübergehender Boom ist. Die meisten Jugendlichen werden schnell die Lust am Spiel verlieren, wenn sie merken, dass es doch einen hohen Aufwand und eines tieferen Wissens bedarf, um bei Pokémon GO auf Dauer wirklich erfolgreich zu sein. Nach dem vierten ausgebrüteten Ei ebbt die Lust deutlich ab, nochmal 5 oder gar 10 Kilometer zu latschen oder zu radeln, um wieder nur ein Raupy auszubrüten.

Oft entspringt der Ärger über „die Kinder von heute“ auch vielmehr der medial geprägten Echokammer über durch die Bank unerzogene Kinder, als der eigenen Erfahrung. Wer Kids in diesem Sinne von vornherein als verzogene und respektlose Gören abstempelt, was sie im allermeisten Fall nicht sind, darf sich nicht wundern, wenn sie nach all den Anzeigen und Beschwerden wieder lieber im Haus spielen. Ein augenzwinkernder Tipp: Wer einen Pokémon spielenden Jugendlichen anhält, um ihm 25,- Euro abzuknöpfen wegen verbotener Handynutzung auf dem Fahrrad, könnte ihm stattdessen auch in den Einstellungen die Soundeffekt- und Batteriesparer-Funktionen zeigen, mit deren Hilfe man auch über neue Pokémon informiert wird, wenn sich das Handy im Fahrradkorb oder in der Hosentasche befindet.

Eine Suchtgefahr existiert nicht

Wie jedes gute Spiel ist Pokémon GO so konzipiert, dass Spieltrieb und Ehrgeiz dauerhaft angesprochen werden. Letztlich ist aber ein hoher persönlicher Zeiteinsatz nötig, um Pokémon auszubrüten, zu entwickeln, einzutauschen oder zu trainieren. Nach dem Abebben der ersten Euphorie werden die wenigsten Spieler in einen fortdauernden Rausch verfallen, um Kilometer zu laufen und sämtliche Arenen der Welt zu erobern.

Für Kids ist das Spiel nur eins von vielen. Für Erwachsene sind die Belohnungseffekte viel zu schwach. Wer erhält schon im realen Leben ein besseres Ansehen, nur weil er drei virtuelle Pokémon-Arenen erobert hat und ein Hypno mit einer Kampfkraft von 1100 besitzt?

Die Preise im Pokémon-Shop sind kinderfreundlich

Als meine Tochter sich mit einem Klassenkamerad zum Pokémon GO Spielen verabredet hat und sie losziehen wollten, gab es ein Problem. Mia hatte keine Pokébälle mehr. Sie wusste sofort, dass die Jagd nun keinen Sinn machen würde. Bis zu den nächsten Pokéstops war es zu weit und der Ertrag zu gering. Sie würde also auf der ganzen Strecke mehrere Pokémon nicht fangen können. Also weigerte sie sich überhaupt loszugehen, ohne im Pokéshop Pokébälle zu kaufen. Der Spielnachmittag drohte ins Wasser zu fallen, der Freund war schon enttäuscht, dass er nicht wie geplant von dem umfangreichen Wissen meiner Tochter bei der gemeinsamen Pokémon-Jagd profitieren können sollte.

Was blieb mir als Mutter anderes übrig? Natürlich erlaubte ich Mia Pokébälle zu kaufen. Für 4,99 Euro gab es 100 Stück. Das ist ein faires Angebot, denn die Preispolitik wurde von den Spieleproduzenten durchaus kinderfreundlich gestaltet. Zum Glück hatte meine Tochter noch ausreichend Taschengeld, um diesen Kauf zu tätigen. Normalerweise ist es bei uns streng verboten, Schulden zu machen. Wenn das Taschengeld aufgebraucht ist, muss bis zum nächsten Zahltag gewartet werden.

Aber ich muss zugeben: In diesem Fall hätte ich eine Ausnahme gemacht. Um die Bewegung meines sonst ziemlich lauffaulen Kindes zu fördern, hätte ich ihr erlaubt, ihr Taschengeldkonto zu überziehen. Oder ihr vielleicht sogar die 5 Euro geschenkt. Das ja auch eine gute Lehre fürs Leben: Jede Regel braucht auch manchmal eine Ausnahme.

Die Kreditkarte wird nicht leergeräumt

Natürlich ist Mias Pokémon GO App mit einem Google-Account verknüpft. Genauso wie ihr Nintendo-Gerät seit Jahren mit dem Nintendo-Shop verbunden ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie die elterliche Kreditkarte nach Belieben leerräumen kann. Seit Jahren gibt Mia immer mal wieder Taschengeldbeträge zwischen einem und 15 Euro für In-App-Käufe aus. Statt Süßigkeiten ist ihren Eltern das auch wesentlich lieber.

Diese Kaufwünsche muss Mia bei uns anmelden und uns erklären. Dadurch bleiben wir über ihre Spieltätigkeiten im Gespräch und können mit ihr gemeinsam überlegen, ob der Kauf wirklich notwendig ist. Wenn wir uns auf die Geldausgabe einigen, übernehme ich das Gerät und gebe ein von mir gesetztes Passwort ein, das meine Tochter nicht kennt. Auf diese Weise wird sie davor geschützt, im Spieleeifer leichtsinnig zu werden oder auch unbeabsichtigt Geld auszugeben. Das funktioniert seit Jahren problemlos.

Normalität kehrt ein – mit Unterbrechungen

Jetzt ist Mia schon seit ein paar Tagen nicht mehr unterwegs gewesen. Im Moment liest sie nämlich die Harry Potter Bücher und bibbert und bangt viel lieber mit dem Zauberschüler als mit japanischen Mangawesen. An anderen Ferientagen testen wir aber wieder aus, welche Zugstrecke an den meisten Pokéstops vorbei führt, an welchen Radtouren blaue Arenen liegen oder wie langsam man mit dem Auto fahren muss, um Eier dabei ausbrüten zu können. Bitte verklagen Sie mich dann nicht wegen Behinderung des Straßenverkehrs. Wir  machen das natürlich nur, wenn keiner hinter uns ist. Versprochen!

 

* Name geändert.

 

Die Autorin Stefanie Moers ist Partnerin einer Agentur für strategische Markenkommunikation und findet, es gibt nichts Spannenderes als die digitale Revolution.  Als Internet Medien Coach® hält sie Vorträge über eine sichere Internetnutzung.

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