Der 7. Sinn fürs Internet reicht nicht

Das Internet im FernsehenDer 7. Sinn war eine fünfminütige Fernsehsendung mit Tipps zur Verkehrssicherheit, die von 1966 bis 2005 im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt und von Millionen von Fernsehzuschauern verfolgt wurde. Nun fordern CDU-Politiker eine Neuauflage der Sendung mit dem Ziel über die Internetsicherheit aufzuklären. Das dürfte in einem so kurzen Format allerdings nicht sinnvoll zu leisten sein.

Vielleicht kann man in fünf Minuten erklären, dass es wichtig ist sichere Passwörter zu nutzen oder wie man eine Phishing-Mail erkennt. Aber einfache Forderungen dieser Art hallen in der Echokammer des Internets bereits so oft wider, dass sie jeder deutsche Bürger schon einmal gehört haben wird. Dass Nutzer trotzdem immer noch zu sorgenfrei kostenlose Anwendungen im Netz nutzen, liegt nicht daran, dass man die allgegenwärtigen Forderungen nicht kennt. Es liegt entweder daran, dass dem User eine andere Handhabung seiner Anwendungen zu umständlich ist oder er den Sinn bestimmter Maßnahmen nicht versteht oder einsieht. Um diese Einsichten zu schaffen, braucht es allerdings mehr als fünf Minuten.

Digitalisierung in Schieflage

Es ist daher höchst fraglich, ob weitere oberflächliche Medienveranstaltungen hilfreich sind, bei denen der Bevölkerung vor der Digitalisierung Angst gemacht wird. Stattdessen wäre ein neutraler Blick auf die Dinge wünschenswert, der die Menschen befähigt digitale Anwendungen mit Freude, aber auch mit einem guten Verständnis der Strukturen dahinter zu nutzen. Nur dann wird die Bevölkerung in die Lage versetzt, bestehende Probleme und Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und zielgerichtete Lösungen für die digitale Zukunft unterstützen und mitgestalten zu können.

Während wir Gasunternehmen zwingen ein Viertel ihrer Kapazität für potenzielle Wettbewerber freizuhalten, um das freie Spiel der Marktkräfte zu erhalten, gibt es solche Gesetze und Regelungen für globale Internetfirmen nicht. Während die Internetkonzerne Nutzerdaten exklusiv auswerten können, gelten für hiesige Telekommunikationsfirmen strenge Datenschutzregeln, die das Mitlesen von Nachrichten verbieten. Während Traditionsmedien strengen Werberichtlinien unterworfen sind, gelten derartige Gesetze für Netzanbieter wie Youtube nicht. Während globale Konzerne Nutzerdaten auswerten, um zu entscheiden, ob wir einer Versicherung, eines Kredits oder eines Jobs würdig sind, haben die Menschen selbst keine Rechte an ihren Daten und werden so zum hilflosen Spielball von Wirtschaftsinteressen ohne ein Wörtchen mitreden zu können. Und während immer mehr Entscheider nach besserer Medienkompetenzförderung für Bürger und Kinder rufen, definiert niemand, was darunter zu verstehen sein soll.

„Die Akzeptanz der Politik durch die IT-Welt, durch Expertinnen und Experten, braucht mehr als die ständige und oft berechtigte Kritik an ihr, sie braucht aktive Beteiligung mit positiver Vision.“ scheibt auch Johny Häusler in seinem aktuellen Beitrag auf WIRED.

Lasst uns diskutieren – aber mit Tiefe

Keine Frage, die Digitalisierung stellt die heutigen Gesellschaften vor große Herausforderungen. Aber sie schafft im Moment noch Stück für Stück eine bessere Welt, in der mehr Menschen Zugang bekommen zu Bildung, Kleinstkrediten, Waren oder Aufmerksamkeit. Dafür zu kämpfen, dass diese Errungenschaften nicht korrumpiert werden von monopolistischen Strukturen,  Geheimdiensten oder Kriminellen ist eine zentrale Aufgabe heutiger Demokratien. Um die Bevölkerung über die richtigen Maßnahmen dafür aufzuklären, braucht es keine Fünf-Minuten-Spots, sondern wohl eher dreistündige Samstagabendshows zur besten Sendezeit um Viertel nach acht. Aber danach ruft im Land der Maschinenbauer und Ingenieure erstaunlicherweise kein Politiker, um das Land fit zu machen für die digitalen Herausforderungen.

 

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