Telemedizin – ein guter Service für die Kranken

Stethoskop auf TastaturJetzt gibt es sie also endlich. Die Arztvisite per Computer. In Mönchengladbach wurde jetzt ein Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse, des Bundesverbands Deutscher Dermatologen und dem Startup-Unternehmen Patientus GmbH gestartet. Fünf Hautärzte in Deutschland bieten seit Anfang September eine Sprechstunde per Computer an. Wie es in Deutschland nicht anders sein kann, wenn es um neue mediale Technologien gibt, meldeten sich zahlreiche kritische Stimmen zu Wort. Die einen weisen darauf hin, dass der technische Aspekt (also das Benutzen einer Webcam) viele Bürger überfordern könnte, andere befürchten Fehldiagnosen durch den fehlenden direkten Kontakt zum Arzt und wieder andere benennen das Totschlagargument: Was einmal im Netz ist, kann gehackt werden und somit sollten derartig vertrauliche Informationen am besten erst gar nicht ins Netz hinein.

Nun ist es ein üblicher Reflex von Menschen, Neuerungen zuerst skeptisch zu sehen, weil man das Fremde eher fürchtet, wo das Bekannte Sicherheit verspricht. Eine überladene Datenschutzdiskussion gepaart mit einer ganz bestimmten Geschichte führt allerdings nur in Deutschland regelmäßig zu einer vorrangig negativ geprägten Debatte, bei der Vorteile und Stärken allzu oft übersehen werden.

Machen wir uns nichts vor. Wenn wir all die moralischen Diskussionen hinter uns gebracht haben, werden Online-Sprechstunden in der Zukunft so üblich sein wie mit dem Handy zu telefonieren. Niemand hat heute wirklich noch Zeit und Lust stundenlang in überfüllten Wartezimmern auszuharren, damit der Arzt nach zweiminütiger Konsultation entscheidet, dass man sich mit der vorhandenen Erkältung doch besser ins Bett legt – und viel trinken nicht vergessen!

Aus anderen Ländern ist längst bekannt, dass es einen großen Bedarf an solchen medizinischen Dienstleistungen gibt. Die größte amerikanische Firma im Bereich Telemedizin ist Teladoc, die seit über zehn Jahren existiert und im Juni an die Börse gegangen ist. Sie hat alleine im ersten Quartal diesen Jahres 150.000 Teleberatungen durchgeführt. Die Mitgliederzahl der Online-Plattform hat kürzlich die 10-Millionen-Marke durchbrochen und wächst rasant. Meist geht es bei diesen Gesprächen gar nicht um lebenswichtige Entscheidungen oder schwere Krankheiten, sondern eher um eine erste Hilfestellung. Es ist eben beruhigend zu wissen, dass man rund um die Uhr, von zu Hause, aus dem Hotel oder aus einem Zelt heraus jederzeit einen professionellen Mediziner ansprechen kann, wenn man eine unbekannte Veränderung am eigenen Körper verspürt oder mal eben klären will, wie man den umgeknickten Knöchel nach der Wanderung am besten versorgt.

Völlig zu Recht ist daher auch die Bundesregierung innerhalb ihrer Digitalen Agenda 2014-2017 daran interessiert, dass Deutschland bei den technologischen Entwicklungen im Gesundheitswesen nicht den Anschluss verpasst. Auch wenn sie das höchst unglücklich formuliert und, wie es eben in Deutschland üblich ist, die Chancen zu wenig wahrnimmt. Auf Seite 11 steht da unter der Überschrift „Potenziale für das Gesundheitswesen erschließen“ zu lesen:

„Mit dem Aufbau einer sicheren und leistungsfähigen Infrastruktur für unser Gesundheitswesen soll so schnell wie möglich die technologische Basis dafür gelegt werden, dass IKT-gestützte Anwendungen zur weiteren Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der medizinischen Versorgung in Stadt und Land auch praktisch zu den Menschen gebracht werden.“

Qualität und Wirtschaftlichkeit – aha. Es geht also darum, die medizinischen Angebote zu verbessern – und zu verbilligen. Es geht seltsamerweise aber nicht darum, einen besseren Service für die Menschen anzubieten, einem konkreten Bedarf entgegenzukommen, Ärzte zu entlasten oder auch älteren Menschen beschwerliche Wege zu ersparen.

Natürlich kann man es kritisch sehen, wenn Online-Sprechstunden als Lösung gegen den beginnenden Ärztemangel auf dem Land ins Feld geführt werden. Aber so ist es immer mit neuen Technologien – erst kommt der Bedarf, dann eine erste Lösung und später die Optimierung. Auf den Wunsch der Bevölkerung weitere Wege zurückzulegen, folgte auch zuerst das Auto. Ampeln, Airbags und KFZ-Haftpflichtversicherungen kamen später.

Ich für meinen Teil freue mich jedenfalls auf eine Zukunft, in der ich nicht erst den Cousin dritten Grades meiner Mutter oder den ehemaligen Nachbarn unserer ehemaligen Nachbarn hinterher telefonieren muss, um mal schnell abzuklären, ob es nach wie vor Sinn macht, schmerzende Ohren mit einem Zwiebelsäckchen zu belegen. Und die Webcam, die kriege ich dafür schon ans Laufen.

Und ganz am Rande bin ich auch stolz darauf, dass wir mit der Patientus GmbH ein Start-Up in Deutschland haben, das diesen Zukunftsmarkt kompetent bedient – und das übrigens großen Wert auf Datensicherheit legt. Die Airbags sind sozusagen schon da.

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