Sicht.Weise.Blau.

Ein buntes Bild prangt an einer Mauer. Wilde Formen, bunte Linien. Eine Mischung aus Tag, Graffito und Mural. Neben der Mauer wachsen wilde Blumen auf einer Wiese. Rechts und links von der Mauer stehen Bäume. Viel Grün. Viel Buntes. Müll liegt zwischen den Wildblumen. Wieder Buntes. Ich mag diesen Ort. Als Spiegel der Welt. Einer Welt aus Natur und Menschlichkeit. Menschen pflanzen Bäume, bauen Mauern und hinterlassen Müll. Andere Menschen sprühen Graffiti.

Ein neuer Tag. Die bunten Graffiti sind weg. Übermalt. Mit grauer Farbe. Darauf ein schwarzer Schriftzug. Kalligrafisch geschwungen. „Für ein schöneres Veedel…“ Ich muss grinsen.

Wie viel Missverständnis kann in solch einem kleinen Ausschnitt urbanen Lebens liegen. Ich weiß, dass es nicht lange dauern wird, bis die nächsten Graffiti diesen Schriftzug umrahmen werden. Das Wort „schön“ wird sie anziehen. Denn darum geht es beim Graffiti-Sprühen. Um eine künstlerische Position. Was ist schön? Ästhetik ist die Lehre vom Schönen. Ästhetik aber liegt im Auge des Betrachters. Wer bestimmt, was schön ist? Schön ist eine Frage des Geschmacks. Und über Geschmack, das sagen wir immer gerne, lässt sich nicht streiten. Nur beim Thema Graffiti, da streiten wir ganz gewaltig.

Graue Farbe mit schwarzem Schriftzug. Das soll schön sein? Auf jeden Fall schöner, als die bunten bauchigen Buchstaben, die wir nicht verstehen. Da sind wir sicher. So lange sie an Mauern hängen. Hängen sie jedoch im Museum, dann laufen wir wieder hin. Schauen ganz genau hin. Verlieren uns in den Farben. Philosophieren über die Position des Künstlers. Und zahlen viel Geld für Kunst der Graffiti-Ikonen Banksy oder Keith Haring.

Sind die visuellen Veränderungen unserer Umwelt Vandalismus, eine der wenigen Ausdrucksformen einer unterdrückten und unzufriedenen Unterschicht, nichts weiter als ein Hobby von gelangweilten Oberschicht-Kindern oder stellen sie doch eine eigene Kunstform von Intellektuellen dar, die Reflexionen über die Rechtmäßigkeit von Eigentum und die gesellschaftliche Bedeutung des öffentlichen Raums anstoßen wollen? Wahrscheinlich von allem etwas.

5Pointz NY5Pointz im New Yorker Stadtteil Queens ist sowohl ein Symbol für diese Vielfalt als auch für die Widersprüchlichkeit, mit der die Gesellschaft Graffiti und ihren Produzenten begegnet. Jerry Wolkoff hat als Besitzer eines riesigen und halb verfallenen Lagerhauskomplexes jahrelang toleriert und nach eigener Aussage sogar gefördert, dass Künstler aus aller Herren Ländern das alte Industrieareal zu einem der berühmtesten Graffiti-Zentren der Welt gemacht haben. Unzählige Stars der internationalen und lokalen Graffiti-Szene wurden über 20 Jahre von diesem pulsierenden künstlerischen Hot Spot angezogen. Beim Versuch, sich gegenseitig in ihrer Kreativität zu übertreffen, erschufen sie so die größte Galerie für urbane Künste unter freiem Himmel, die zuletzt mit Jonathan Cohen, besser bekannt unter seinem Sprüher-Kürzel „Meres One“, sogar einen eigenen Kurator beschäftigte und zahlreiche Touristen anzog.

Als Wolkoff im Jahr 2013 jedoch ankündigte, die alten Lagerhallen abreißen und dort neue Luxuswohnungen bauen zu wollen, wurde er vom Kurator und weiteren Künstlern verklagt. Die Gruppe argumentierte, dass diese Kunst einerseits längst keine Privatsache mehr, sondern inzwischen von öffentlichem Interesse sei und sie als Urheber gleichzeitig ein Mitspracherecht am weiteren Umgang mit den Werken hätten. Um eine erwartbare, jahrelange juristische Auseinandersetzung zu umgehen, veranlasste Wolkoff die Wandmalkunst eines Nachts mit weißer Farbe zu übermalen und somit zu vernichten. Wolkoff begründete dies damit, dass er es selbst nicht gut hätte ertragen können, wenn die Kunstwerke im langwierigen Prozess des Gebäudeabrisses nach und nach zerstört worden wären. Bis heute verklagen einige Künstler Jerry Wolkoff auf Schadenersatz, da sie keine Zeit bekommen hätten, ihre Werke in Sicherheit zu bringen.

Nie zuvor hat wohl weiße Farbe eine solch bedeutende Rolle gespielt beim immerwährenden Konflikt zwischen der Rechtmäßigkeit von privatem Besitz auf der einen und dem Recht der Menschen auf Nutzung des öffentlichen Raumes auf der anderen Seite. Ebenso wie zwischen Kunst und Kommerz.

Ein ähnlicher Zusammenprall zweier Welten ereignete sich im Jahr 2007 in Deutschland. Essen war soeben stellvertretend für das Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt 2010 geworden. Das Ruhrgebiet gehört zu den großen Ballungsräumen Europas, der aber im Gegensatz zu anderen Regionen stärker mit dem Strukturwandel durch die schwindende Bedeutung von Kohle- und Stahlindustrie zu kämpfen hat. Die Gesamtarbeitslosenquote liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, die Arbeitslosenquoten einzelner Städte sind sogar doppelt so hoch. Der seit Jahren währende Versuch, die Region mithilfe anspruchsvoller Kunst und Kultur in ehemaligen Industriegebäuden zu einem neuen europäischen Hot Spot umzugestalten, aus dem junge Familien mangels Perspektive nicht mehr wegziehen, scheiterte jedoch bisher am traditionellen Kirchturmdenken und der daraus folgenden Konkurrenz der 53 Städte des Ruhrgebiets.

Insofern wollten kluge Denker aus der Region eine neue Strategie wagen. Mithilfe des Kulturhauptstadt-Titels, der ausnahmsweise und unter Beugung ganzer Berge von EU-Regularien an eine Region anstelle einer einzelnen Stadt vergeben worden war, sollte der Wandel hin zu mehr Gemeinsamkeit und Modernität gelingen. Deshalb durften Gelder nur für Projekte ausgeschüttet werden, die städteübergreifend agierten. Gemeinsamkeit war das alles überstrahlende Motto. Interdisziplinarität das Credo. Nicht nur Städte sollten vereint werden, sondern auch Branchen und Kulturen, um die Region aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Ein hehres Ziel.

Eines Morgens erstrahlte an der Hauswand des Kulturhauptstadtgebäudes in Essen ein riesiges Graffito in leuchtendem Blau und Silber und von hoher künstlerischer Qualität. Allerdings hatten die Sprüher nicht irgendein Gebäude verziert, sondern das Alfred-Herrhausen-Haus, dem Dienstsitz der Initiativkreis Ruhr GmbH, der Vereinigung der größten und mächtigsten Wirtschaftsunternehmen des Ruhrgebiets. Insofern kam, was kommen musste. Den üblichen Empfehlungen der Polizei folgend, wurde das Graffito nach wenigen Tagen überstrichen, denn wie heißt es z. B. auf der Website der Kölner Anti Spray Aktion www.kasa-koeln.de so schön: „Farbschmierereien sollten sofort entfernt werden, denn die Erfahrung zeigt: Das erste derartige Machwerk ermutigt Nachahmer. Farbsprayer dürfen keinen dauerhaften Erfolg haben.“

Dummerweise hatte es sich aber gar nicht um eine „Farbschmiererei“ gehandelt. Es ging um nichts weniger als eine Botschaft und einen Test. Vertreter der Kreativwirtschaft des Ruhrgebiets wollten überprüfen, ob der Anspruch des interkulturellen Dialogs ernst gemeint war. Ob die Kulturhauptstadt wirklich gleichberechtigt die Sub-, Popular- und Hochkultur mit ihren Fördergeldern berücksichtigen würde. Ob die Macher der Kulturhauptstadt wirklich an einer Modernisierung des Ruhrgebiets interessiert waren. Oder ob, wie sie befürchteten, hier wieder nur EU-Fördergelder in den bekannten Taschen von Philharmonien, Theatern und Museen landen würden, ohne irgendeine langfristige Verbesserung für die Menschen der Region zu bewirken.

Anstatt einen goldenen Rahmen um das Graffito zu zeichnen, um zu symbolisieren, dass die Kulturhauptstadt die Botschaft verstanden hatte und sie ernst zu nehmen gedenke, wurde die Chance vertan. Die Anzugträger setzten sich durch, das Gebäude bekam wieder seinen ordentlichen blassgelben Farbanstrich und die Macher der Kulturhauptstadt sollten erst viel später mit den Urhebern des Graffito in Kontakt kommen, um das ganze Dilemma des Ruhrgebiets zu verstehen.

Diesmal war es hauptsächlich blaue und silberne Farbe, die den Unterschied ausmachte zwischen Kultur und Schmiererei. In einem Museum hätten die Vorstände und Geschäftsführer die Bedeutung des Graffito wohl leicht interpretieren können. Steht doch die Farbe Blau für die Sehnsucht. So wird die Popularkultur wohl weiter sehnsüchtig auf die Silberlinge, ergo finanzielle Unterstützung und die damit einhergehende Anerkennung warten müssen.

Hinter der bunten Mauer im „schöneren Veedel“ liegt übrigens ein Spielplatz. Auch deshalb mag ich diesen Ort so. Kinder mögen Graffiti, denn sie lieben Schmierereien. Sie hätten die bunten Bilder sicher nicht mit grauer Farbe vernichtet.

Lebens Graffiti vs. tote Mauer

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