Wie der CSD Köln die Medienkompetenz herausfordert

147 Gruppen sind 2019 bei der Kölner Christopher Street Day Parade mitgegangen. So groß war die hiesige Demonstration für Toleranz und die Freiheit individueller Lebensstile noch nie.

Es hat sehr gutgetan, das alles live mit zu erleben. In diesem Jahr war es meine 15-jährige Tochter, die unbedingt die Parade sehen und für Offenheit und Gleichberechtigung auf die Straße gehen wollte.

Toleranz-Plakat US Democrats CSD Köln

Sie ist viel im Internet unterwegs. Durch die vernetze Nutzung einer Vielzahl von Anwendungen kommt sie täglich mit fremden Menschen in Kontakt. Diese Begegnungen entstehen durch gemeinsame Interessen. Ob die geteilte Liebe für ein Computerspiel, einen Kinofilm oder einen Lieblingsschauspieler, über WhatsApp, Wattpad, Steam oder Instagram finden sich Gleichgesinnte immer wieder in neuen Gruppen zusammen. Für meine Tochter ist eine offene Gesprächs- und Begegnungskultur über Ländergrenzen, Kulturen oder Religionen hinweg das Alltäglichste der Welt.

Freiheit für Vielfalt

Auch ich liebe die Vielfalt der Kulturen, die ich täglich in meinem Leben erfahren darf. In meiner direkten Nachbarschaft leben zwölf Nationalitäten friedlich neben- und miteinander. In Köln erlebe ich täglich das friedliche Miteinander von verschiedensten Menschen. Uns alle eint, dass wir die Freiheiten in diesem Land wertschätzen. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, freie Berufswahl für Männer und Frauen, Freiheit der persönlichen Lebenswege.

Tausend-Nationen-Flagge vor Kölner Dom CSD Cologne 2019

Mit all diesen toleranten Freiheiten haben wir nach einem wahnsinnigen Krieg eines falsch verstandenen Nationalstolzes dieses völlig zerstörte Land zu einem der wirtschaftlich und politisch erfolgreichsten der Welt gemacht. Und uns eine eigene Identität aufgebaut. Eine Identität, die auf Toleranz und Freiheit aufbaut und nicht auf Hass und Abgrenzungsdünkel.

Toleranz ist auch wirtschaftlich erfolgreich

Gerade nach dem Krieg waren wir gezwungen viele ausländische Menschen ins Land zu holen, um es wieder aufzubauen, dennoch haben wir heute keine No-Go-Areas, keine Gated Communities, keine Großstädte, in denen an jedem Wochenende jemand erschossen wird (wie in New York), keine Slums und keine Vorbehalte beim Einstellen von Menschen mit ausländischen Nachnamen. Toleranz funktioniert – auch ökonomisch – und die Deutschen waren gerade wegen eines fehlenden Nationalstolzes besonders gut darin und ein Vorbild für die Welt.

Durch die umfangreichen Diskussionen über AFD, Grenzen, Sanktionen, rechte Parolen und völkische Diskussionen in alten und neuen Medien kann man heute leicht den Eindruck gewinnen, auch wir Deutschen hätten uns seit der Flüchtlingskrise mehrheitlich verändert.

Veranstaltungen wie der CSD zeigen, dass das so nicht stimmt. Es kämpfen immer noch unfassbar viele Menschen in diesem Land für Freiheit und Toleranz und gegen Abschottung und eine Rückkehr zu einem Gestern, das es nie gab.

Ob Arbeiter Samariter Bund, Verdi, Verband der Feuerwehren, Aidshilfe, Arbeiterwohlfahrt, Amnesty International, die Kliniken Köln, Jugend gegen AIDS e. V., Pfadfinder, Flüchtlingshilfe, Studentengruppen oder Kirchenvertreter, jede dieser Initiativen fühlte sich berufen, einen Wagen oder eine Gruppe auf die CSD-Strecke zu schicken. Unabhängig von vielen Firmen, die sich ebenso zahlreich für die Toleranz einsetzten.

Medien sind kein Spiegel der Realität

Es tut gut, diese vielen Menschen in einer langen Parade real zu sehen. Es ist wichtig, sich immer wieder klar zu machen, dass mediale Informationen die Realität nicht vollständig abbilden können. Das liegt zum einen am Aufmerksamkeitszwang von Medien. Eine Nachricht muss per Definition immer aktuell, neu und für die Zielgruppe relevant sein. Somit sind 50 sicher landende Flugzeuge am Flughafen Tegel keine Nachricht, ein dort brennendes aber schon. Der Alltag, das Normale ist in den Medien unterrepräsentiert.

Zum anderen sind kriminelle Gruppen mit ihren klaren Zielen der Desinformation oder der Aufwiegelung medial meist professioneller aufgestellt, als die normalen, freundlichen und friedlichen Bürger oder Parteien. Bandenkriminelle, Cybercrime-Profis, rechtsradikale Gruppen oder auch Geheimdienste agieren zum Teil mit großen Budgets und rücksichtslosem Vorgehen, mit Lügen und gezielten Verunsicherungen, um Gesellschaften von innen heraus zu spalten. Auch der IS war dafür bekannt, sehr hohe Summen in die modernste Kommunikationstechnik zu investieren, um Menschen aus aller Welt anlocken und radikalisieren zu können.

Medienkompetenz-Unterricht fördert Politikverständnis

Ein Verständnis für diese Zusammenhänge zu wecken, muss auch Ziel von Medienunterricht in Schulen sein. In freien Ländern ist die Welt immer bunter, freundlicher und erfolgreicher, als sie in Medien erscheint. Deshalb lesen wir täglich von Morden, Vergewaltigungen oder Unfällen, erleben diese Dinge im Normalfall aber niemals selbst. Weil der Alltag eine Langweiligkeit und Routine mit sich bringt, die sich für die mediale Berichterstattung nicht eignet.

In Diktaturen ist dieses Verhältnis genau umgekehrt, da gaukeln staatlich gelenkte Medien der Öffentlichkeit propagandistische Errungenschaften und Erfolge der eigenen Institutionen und Politik vor, die einer Überprüfung in der Realität meist nicht standhalten. Hier wird weit weniger über Kriminalität berichtet, da viele Verbrechen den Staat schwach erscheinen lassen würden.

Von daher bin ich nach wie vor stolz auf unsere freie Art zu leben. Ja stolz, ich benutze dieses Wort ganz bewusst, denn ich finde durchaus, dass man auf die Freiheiten stolz sein darf, die unsere Eltern, wir und nun auch schon unsere Kinder erschaffen haben. Ich freue mich schon mit meiner Tochter nächstes Jahr wieder an der Parade teilzunehmen. Fest an der Seite der vielen, die für Toleranz und Freiheit einstehen.   

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